Logo IVL 90IVL zum taz-Interview der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin Karin Prien: Heterogenität kann nur durch Differenzierung begegnet werden!


Die Interessenvertretung der Lehrkräfte in Schleswig-Holstein (IVL) kritisiert die Aussagen der schleswig-holsteinischen Bildungsministerin Karin Prien in ihrem taz-Interview vom 27.10.’17 zu den inhaltlichen und strukturellen Ausrichtungen der Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Beide Schularten sollten ihre Profile stärker herausstellen und wörtlich: „Die Gymnasien haben eine gute wissenschaftliche Expertise und bereiten ausschließlich auf das Abitur vor. Die Gemeinschaftsschulen arbeiten auch daran und haben zudem hervorragende pädagogische Konzepte für heterogene Schülerschaften. Mit G9 machen wir beide Schularten stark.“


Dazu die IVL-Landesvorsitzende Grete Rhenius: „Die ,hervorragenden Konzepte für heterogene Schülerschaften’ möchte ich sehen. Die Kolleginnen und Kollegen verzweifeln reihenweise an eben dieser Heterogenität; sie werden krank, gehen so früh wie möglich, auch unter finanziellem Verzicht, in Pension.“

Weiter heißt es in genanntem Interview: „Wir müssen uns auf die Arbeit an Kitas und Grundschulen konzentrieren, wo die Weichen für die Bildungskarrieren gestellt werden – der alte ideologische Streit der weiterführenden Schulen bringt uns nicht weiter.“
Auch wenn die IVL es durchaus begrüßt, dass Ministerin Prien ankündigt, eine Stunde Unterricht mehr ab dem kommenden Schuljahr in der ersten Klasse erteilen zu lassen, reiche dies nicht aus, den qualitativen Problemen an den Gemeinschaftsschulen zu begegnen: „Wer ernsthaft über Bildungsqualität und den Umgang mit Heterogenität diskutierten will, darf die Forderung nach mehr Differenzierungsmöglichkeiten nicht als ,alten ideologischen Streit‘ abtun. Unstrittig ist doch, dass Instrumentarien wie Binnendifferenzierung, Schulbegleitung, Schulassistenzen usw. bei einem unglaublich hohen personellen und finanziellen Ressourcenverbrauch kaum einen positiven Effekt in Sachen Bildungsqualität erzielt haben.“

V.i.S.d.P. IVL-SH

Tade Peetz, Pressereferent                                                                                 Heikendorf, 30. Oktober
2017Stückenberg 15
24226 Heikendorf

Tel.: 0431-2391935
Mobil: 0151-25386916

 

FAZ vom 18.09.2017
Die Digitalillusion

Drei Studien erwecken den Eindruck, als lasse sich Lernen durch digitale Medien revolutionieren / Von Heike Schmoll

BERLIN, 17. September Es scheint so, als hinge die gesamte Zukunft der schulischen Bildung daran, ob digitale Medien in den Schulen zur Selbstverständlichkeit werden. Jedenfalls legen das zwei Studien und das Bildungsbarometer des ifo-Instituts nahe. Die Schulen sollten die Digitalisierung vorantreiben, finden laut ifo-Umfrage 63 Prozent der über 4000 repräsentativ befragten Deutschen; sie halten es für richtig, 30 Prozent der Unterrichtszeit für das selbständige Arbeiten am Computer zu nutzen. Vor zwei Jahren waren erst 48 Prozent dafür. Einheitliche Abschlussprüfungen beim Haupt- und Realschulabschluss, sowie beim Abitur wünscht sich eine überwältigende Mehrheit, 75 Prozent sprechen sich außerdem dafür aus, Bildungsreformen zunächst in kleinem Rahmen zu testen, bevor sie flächendeckend eingeführt werden.

Über die Hälfte der Erwachsenen hält es laut ifo-Institut für angebracht, Digitatalkompetenzen schon vom Grundschulalter zu vermitteln, bei den weiterführenden Schulen sprechen sich sogar 90 Prozent dafür aus. Außerdem wünschen sie sich, dass der Bund jeden Schüler an einer weiterführenden Schule mit einem Laptop oder Computer ausstattet, was ganz gewiss nicht geschehen wird, selbst wenn der von Bundesbildungsministerin Wanka (CDU) Ende 2016 mit viel Wind angekündigte Digitalpakt tatsächlich noch einmal kommen sollte. Das wird ganz entscheidend davon abhängen, ob Bundesfinanzminister Schäuble (CDU) die dafür nötigen fünf Milliarden Euro bereitstellt. Außerdem wollen die Befragten verpflichtende jährliche Fortbildungen in Digital- und Medienkompetenzen. Mit dem üblichen Alarmismus, den solche Studien im Sinne der öffentlichen Aufmerksamkeit pflegen, stellte die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung am vergangenen Donnerstag eine Expertise zu „Kompetenzen in der digitalen Welt" vor, die im Wesentlichen von der Paderborner Erziehungswissenschaftlerin Birgit Eickelmann verantwortet wird. Digitale Bildung sei längst nicht flächendeckend in den Schulen angekommen, und die Digitalisierung des Schulbereichs (was auch immer das eigentlich sein soll) halte nicht mit den Entwicklungen in anderen gesellschaftlichen Bereichen Schritt. Das Beste an der Expertise sind noch Beispiele aus der Praxis in unterschiedlichen Ländern, die im Übrigen zeigen, dass alle Bundesländer längst auf die Entwicklung digitaler Medien reagiert haben und versuchen, ihre Schüler in einem reflektierten Umgang mit digitalen Medien zu üben. Der Slogan von der digitalen Bildung ist abwegig. Sie kann es nicht geben. Schüler können sich nur selbst bilden und allenfalls mit Hilfe digitaler Medien, und wie ertragreich das ist, steht noch längst nicht fest.

In völlig unkritischer Weise rechnen alle, die für die Nutzung digitaler Medien die Werbetrommel rühren, damit, dass sie das Lernen verbessern könnten. Von einer Revolution des Lernens zu sprechen entbehrt jeder empirischen Grundlage. Auch der Unterricht wird nicht neu erfunden, nur weil die Tafel kreidefrei ist und die Schüler bücherlos lernen. Bei der schulischen Nutzung digitaler Medien gehe es darum, „die rasanten technischen Entwicklungen pädagogisch zu nutzen und Lehr-Lern-Prozesse dadurch zu verbessern, Motivation und Interesse zu fördern, bestimmte Schülergruppen zu fördern und den Umgang mit Heterogenität zu unterstützen", heißt es in der Expertise der Ebert-Stiftung. Das wirkt so, als könnten mit digitalen Medien alle Unterrichtsprobleme in Klassen mit unterschiedlichen Schülern mit verschiedenem Lernstand gelöst werden. So verwundert es auch nicht, dass das Credo lautet: „Schulische Medienkonzepte sind für Schulen das zentrale Instrument für eine zukunftsfähige Schulentwicklung, das die Vermittlung digitaler Kompetenzen systematisch auf allen Schulebenen verankert."

Unter der Überschrift „Der Geist ist willig, das W-Lan ist schwach" erwartet die Bertelsmann Stiftung in einer am Freitag veröffentlichten Studie ähnlich umfassende Alleskönnerwirkungen vom Einsatz digitaler Medien. „Digitale Medien können dabei helfen, pädagogische Herausforderungen wie Inklusion, Ganztag oder die Förderung lernschwacher Schüler zu bewältigen." Doch nicht einmal 10 Prozent der Lehrer setzten die digitalen Medien ein, selbst etablierte Medien wie Youtube Wikis und Power Point würden nur gelegentlich im Unterricht eingesetzt.

Die Vernunft der meisten Lehrer scheint doch noch beträchtlich zu sein. Denn welcher moderne Vortragshörer hat noch kein Power-Point-Trauma? Ihre Zurückhaltung begründeten die Lehrer mit technischen Rahmenbedingungen. Nur jeder Dritte sei mit dem W-Lan zufrieden, jeder fünfte beklagte, dass es an seiner Schule kein W-Lan gebe. „Tatsächlich messen nur acht Prozent der Schulleitungen der Digitalisierung hohe strategische Bedeutung für die Ausrichtung ihrer Schule zu." Deshalb entwickele das Kollegium kein gemeinsames didaktisches Verständnis. „Digitalisierung darf für Lehrkräfte nicht als zusätzliche Belastung erscheinen, sondern sollte Teil der Lösung für ihre pädagogischen Herausforderungen sein", heißt es in der dritten Ausgabe des „Monitor Digitale Bildung" von Bertelsmann.

Wer sich all das ansieht und die vielen müsste, sollte, dürfte und könnte liest, wird den Eindruck nicht los, dass es sich beim Einsatz digitaler Medien an den Schulen mehr um Ideologie als um eine zukunftsweisende Strategie handelt. Wieso sollte das gesamte Wohl und Wehe der Schulen von dem Versuch abhängen, sämtliche Lernprobleme mit Hilfe digita1er Medien zu lösen? Dafür finden sich keine Belege, und trotzdem wird ein solcher Unterricht forciert. In einer Studie mit Grundschülern, in deren Unterricht einmal in der Woche Computer eingesetzt wurden, aerreichten die Schüler in Mathematik und Naturwissenschaften „statistisch signifikant niedrigere Kompetenzen“ als Grundschüler, die seltener als einmal in der Woche Computer nutzten.

Die über drei Jahre erhobene Hamburger Studie mit über 1300 Schülern mit dem dortigen BYOD-Ansatz (Bring Your Own Device — also mit eigenen Mobilgeräten) zeigt, dass die Erwartungen längst nicht erfüllt wurden. Weder entwickelten die Schüler eine messbare höhere Leistungsmotivation noch eine stärkere Identifikation mit der Schule. Es werde weder besser mit Quellen umgegangen noch sei eine höhere Informationskompetenz erreicht, heißt es darin. Softwaregesteuerter Unterricht hat also bisher keinen nachweisbaren Nutzen. Der Gegenbeweis wäre erst zu erbringen. Bis dahin hängt die Qualität des Unterrichts von den fachlichen und didaktischen Fähigkeiten des Lehrers und der Lernumgebung ab. Einen unfähigen Lehrer kann eben auch keine noch so intelligente Software kompensieren.

Logo IVL 90Die IVL gratuliert Karin Prien zur Ernennung als Bildungsministerin und hofft auf karibischen Schwung statt hanseatischer Kühle bei drängenden Problemen  

Der Koalitionsvertrag zwischen CDU, FDP und Grünen sagt, dass die Landesregierung erhalten möchte, „was sich bewährt hat“. Der Interessenvertretung der Lehrkräfte in Schleswig-Holstein (IVL) stellt sich die Frage, was sich z.B. an dem mittlerweile 10jährigen Experiment ,Gemeinschaftsschule' aus Sicht der Koalitionäre bewährt habe.

„Höherer Unterrichtsausfall, höherer Krankenstand, höhere Schulabbrecherquoten, Niveauverluste in allen Fächern, steigende Arbeitsbelastung von Lehrkräften - das sollte alles ernst genommen und nicht als bewährtes Modell tituliert werden“, so die IVL-Landesvorsitzende Grete Rhenius.

Für die IVL verbindet sich mit dem Wechsel an der Hausspitze von der Hamburgerin Britta Ernst zur Hamburgerin Karin Prien die Hoffnung, dass die hanseatische Unterkühlung, mit der auf die Klagen aus den Gemeinschaftsschulen bisher reagiert wurde, ein Ende findet. Stattdessen möge Frau Prien mit karibisch-pragmatischem Schwung diese Probleme angehen. Positive Ansätze wie z.B. die Abschaffung der unsäglichen Methode , Schreiben nach Gehör' sind ja durchaus vorhanden.

Es müsse endlich eine Abkehr von der ideologiegeleiteten Bildungspolitik der Küstenkoalition beschritten werden. Rhenius: „Ansonsten müssten die Lehrkräfte im Land wohl zur Kenntnis nehmen, dass Jamaika eben eine Insel ist und ebenfalls sehr viel ,Küste' hat.“

V.i.S.d.P. IVL-SH

Tade Peetz, Pressereferent                                                                               Heikendorf, 30. Juni 2017

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Logo IVL 90IVL zum Hamburger Schulleistungstest KERMIT: Schleswig-holsteinische Gemeinschaftsschulen vor dem Hamburger Weg bewahren – abschlussbezogene Klassen zulassen!

Unter dem Motto „Kompetenzen ermitteln“ – KERMIT – führen alle Hamburger Grundschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien seit dem Schuljahr 2012/13 jährlich in unterschiedlichen Klassenstufen standardisierte Schulleistungstests durch. Die Aufgaben orientieren sich an den Anforderungen der nationalen Bildungsstandards und der Hamburger Bildungspläne. Die Test-Ergebnisse informieren die Lehrkräfte über fachbezogene Stärken und Schwächen ihrer Lerngruppen.

Nach den Ergebnissen der Erhebung erreichen 63 Prozent der Stadtteilschüler nicht den Mindeststandard im Fach Mathematik und die Spreizung der Deutschergebnisse gegenüber den Gymnasiasten sei überdeutlich.

„Das ist sehr beunruhigend, da die Hamburger Stadtteilschulen in der Regel das gleiche Prinzip wie die Gemeinschaftsschulen bei uns verfolgen – radikale Inklusion, Binnendifferenzierung und so genanntes ,längeres gemeinsames Lernen’ als bildungspolitisches Allheilmittel – aus unserer Sicht ist der Hamburger Weg der falsche“, kommentiert die Landesvorsitzende der Interessenvertretung der Lehrkräfte in Schleswig-Holstein (IVL) Grete Rhenius die Ergebnisse im Nachbarland.

Die Hamburger FDP-Fraktion hat nach Ansicht der IVL einen der Systemfehler ausgemacht und zu Recht darauf hingewiesen, dass eine Qualitätssteigerung nur mit abschlussbezogenen Klassen möglich sei.

Rhenius: „Wir hoffen, dass die Liberalen in Schleswig-Holstein es ihren hanseatischen Parteifreunden gleichtun und am besten auch die anderen regierungstragenden Fraktionen davon überzeugen, dass weniger Ideologie mehr Qualität in der Bildung bedeutet.“

V.i.S.d.P. IVL-SH

Tade Peetz, Pressereferent                                                                                            Heikendorf, 21. Juli 2017
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Logo IVL 90IVL zum Jamaika-Koalitionsvertrag: 6 Zeilen für 162 Gemeinschaftsschulen: „Ein unerwartet enttäuschendes Ergebnis.“

Ganze sechs Zeilen widmet der Koalitionsvertrag der Jamaika-Partner dem Thema Gemeinschaftsschule. Und selbst in diesen 46 Wörtern sind die bildungspolitischen Konturen von CDU und FDP nur schwer zu erkennen:

Gemeinschaftsschule – Ort des gemeinsamen Lernens

Gemeinschaftsschulen zeichnet der Ansatz des gemeinsamen Lernens aus. Auf Basis der KMK-Vereinbarungen können Gemeinschaftsschulen eigenständig über die Form der Differenzierung (äußere und innere Differenzierung) entscheiden. Wir werden ihnen ermöglichen, in den Klassen sieben bis zehn die naturwissenschaftlichen Fächer gesondert zu unterrichten.

„Der erste Eindruck ist enttäuschend“, stellt die Vorsitzende der Interessenvertretung der Lehrkräfte in Schleswig-Holstein (IVL) Grete Rhenius dazu fest. „Dies ist jedenfalls kein klares Bekenntnis der bürgerlichen Parteien zur äußeren Differenzierung geschweige denn zu abschlussbezogenen Klassen an Gemeinschaftsschulen. Das hörte sich in den Wahlprogrammen noch anders an. Ganz offensichtlich hatte das Durchsetzen eines G9-Kompromisses schulpolitische Priorität.“

Mit Verwunderung nimmt die IVL zur Kenntnis, dass sowohl CDU als auch FDP das so genannte „Gemeinsame Lernen“ in Gemeinschaftsschulen zum Leitbild ihrer Bildungspolitik in der kommenden Legislaturperiode machen. Rhenius: „Das irritiert doch sehr, bekannte man sich vor der Wahl noch deutlich zur äußeren Differenzierung, die über das jetzige Maß hinaus geht.“

Die IVL wird dazu selbstverständlich zeitnah das Gespräch mit der designierten Bildungsministerin Karin Prien suchen, um die Standpunkte des Verbandes zu verdeutlichen. „Wir hoffen, dass wir zügig mit Frau Prien ins Gespräch kommen und diesen Punkt konkretisieren können – abschlussbezogene Klassen wieder zuzulassen war und ist ein zentrales Anliegen der meisten Lehrkräfte an den Gemeinschaftsschulen im Land“, so Rhenius.

V.i.S.d.P. IVL-SH

Tade Peetz, Pressereferent                                                                                       Heikendorf, 16. Juni 2017

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